Gedanken zum Umgang mit Menschen mit Demenz

Brief eines demenziell veränderten Menschen an seine Angehörigen, Pfleger und Betreuer

Liebe Kümmerer,

wie ihr alle wisst, bin ich seit ein paar Jahren dement. Anfangs war das ein Schock für mich. Allmählich gewöhne ich mich an diesen Zustand und fühle mich weitestgehend wohl in meiner Welt. Ich tauche in Welten ein, die ich früher nicht gekannt habe. Ich traue mich, Dinge zu tun, die ich früher nie hätte tun dürfen, weil es sich nicht schickt.

Ein großes Problem allerdings habe ich. Das ist euer Ton mir gegenüber. Ihr behandelt mich respektlos und wie einen Menschen dritter Klasse.

Ihr sprecht mit mir wie mit einem Kind. Das tut mir weh und ich empfinde Scham.

Bedenkt: Ich bin kein Kind, sondern ein erwachsener Senior, der eine Menge in seinem bisherigen langen Leben geleistet hat.

Mein Geist ist wach und auch meine Intelligenz habe ich nicht verloren. Sie ist nur anders und hat sich verändert im Vergleich zu früher. Ich sehe andere Dinge als ihr und das ist okay.

Deshalb kann ich es nicht verstehen, dass ihr mich in Gruppenstunden steckt, in denen mich jüngere Frauen wie Kleinkinder behandeln und mit mir in der dritten Person Mehrzahl sprechen? Früher hätte ich sie in ihre Schranken gewiesen mit meinem Lieblingsspruch: „Haben wir schon zusammen Schweine gehütet?“ Damit habe ich früher das Verhalten von Menschen in meiner Umgebung kommentiert, die mir zu nahe kamen.

Ich will weder irgendwelche Kinderspiele machen, noch mich wie im Kindergarten behandeln lassen.

Sprecht mit mir in einem Ton, der mir das Gefühl gibt ein Mensch zu sein!

Gerne können wir zusammen Gesellschaftsspiele machen. Auch über Rätsel freue ich mich sehr. Ich spreche gerne über früher und lese gerne. Nicht immer verstehe ich den Inhalt, aber das Erkennen und Rezitieren der Buchstaben bereitet mir Freude.

Ich vergesse viel und benötige in vielen Dingen eure Hilfe. Deshalb bitte ich euch, helft mir dort, wo ich Hilfe benötige, und lasst mich selbst bestimmen, wo ich es kann.

Die große Pädagogin Maria Montessori hat ihrer Nachwelt einen weisen Spruch hinterlassen: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Das ist es, was ich mir wünsche und was ich brauche. Dann geht es mir gut.

Ich bedanke mich ganz herzlich für euer Verständnis und freue mich auf eine angenehme Zusammenarbeit.
Herzliche Grüße
Euer Kurt

Artikel weiterempfehlen

Ein Gedanke zu „Gedanken zum Umgang mit Menschen mit Demenz

  1. helga

    Dement zu sein, ist doch kein Gerichtsurteil! Bei uns ist dies der Fall! In der Familienberatung wurde die häusliche Pflege, damit der Opa in seinen eigenen vier Wänden bleiben konnte. Die Hilfe wird auch von uns allen erwartet, je nach Möglichkeit, denn alle sind ja beschäftigt. Vom Herzen hoffen wir, dass die Krankheit nicht fortschreitet. Danke für die Anregungen zum Nachdenken!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.