Hilfreiche Gedanken, wenn das Schreien unerträglich wird

Hilfreiche Gedanken

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Als pflegender Angehöriger sind Sie im Dauereinsatz und im Dauerstress, wenn es um die Sorge um Ihren demenziell Erkrankten geht. Sie sind immer präsent und Ihre Gedanken lassen selten andere Themen- und Denkwelten zu als die Demenz.

Wenn dann noch sehr unangenehme und belastende Verhaltensweisen Ihres zu Pflegenden dazukommen, dann ist oftmals das Maß des Erträglichen erreicht.

Eine solche Verhaltensweise ist das Schreien. Demenzkranke in fortgeschrittenen Stadien neigen dazu, unerträgliche und manchmal tierisch anmutende, archaische Schreie loszulassen.

Diese Schreie erleben wir, wenn wir zu Hause pflegen, aber auch bei unseren Besuchen im Heim. Oftmals reagieren wir mit Furcht. Wir nehmen die Schreie und den Schock, den sie in uns auslösen, mit. Sie lassen uns nicht mehr los.

Diese Geräuschkulisse schlägt in unserer Seele wie ein Bombenhagel ein. Deshalb ist es wichtig, dass wir neben aller Betroffenheit hinter die Kulissen blicken.

  • Was steckt hinter diesen Schreien?
  • Ist es Leid oder Schmerz, welcher zu den Schreien führt?
  • Wird mein Angehöriger/meine Angehörige von den Schwestern im Heim misshandelt?
  • Hat er/sie Angst?
  • Was geht in ihm/ihr vor?

Diese und viele andere Fragen werden mir sehr oft gestellt. Deshalb freue ich mich, dass ich heute die Gelegenheit habe, Antwort darauf zu geben:

Dazu machen wir uns gemeinsam auf die Reise zur Seele eines demenziell Erkrankten.

Stellen Sie sich einfach vor, dass ein Mensch mit fortschreitender Demenz kaum Anregungen verspürt. Seine Seele sitzt sozusagen in Einzelhaft.

Weder Geräusche noch visuelle Eindrücke dringen zu ihm vor. Deshalb ist er sehr, sehr einsam und fühlt sich alleine gelassen. Vor allem fühlt er sich ungeliebt und vollkommen isoliert. Das löst eine sehr große seelische Qual aus und ist gleichzusetzen mit psychischer Folter. Nicht umsonst waren Einzelhaft, Karzer oder Kerker in früheren Zeiten gefürchtete Strafen.

Von Häftlingen kennen wir das Schreien als Folge der Einzelhaft. Es bauen sich in der Seele so große Spannungen auf, dass diese durch unkontrolliertes Schreien abgebaut werden können.

So ist das auch bei unserem demenziell Erkrankten, der im fortgeschrittenen Stadium entwicklungspsychologisch gesehen wieder auf der Stufe eines Kleinkindes/Säuglings steht.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir ihm/ihr alles geben, was wir auch einem Kind geben würden: Geborgenheit und das Gefühl, geliebt zu werden, nicht alleine zu sein, Bewegungen, Berührungen, sanfte und anregende Töne – und vor allem den Kontakt auf einer anderen, nonverbalen und sinnesorientierten Ebene.

Wie können Sie das erreichen?

Bauen Sie Ihrem Angehörigen/Ihrer Angehörigen ein „Nest“! Das können weiche Decken sein oder auch sogenannte Lagerungshilfen. Diese schmiegen sich an den Körper und vermitteln ein Gefühl der absoluten Geborgenheit.

Sorgen Sie für eine Stimulation über die Haut! Dazu kennen wir aus der Pädagogik mit Menschen mit geistiger Behinderung die sogenannte basale Stimulation. Diese Methode funktioniert über den abwechselnden Einsatz mit gegensätzlichen Materialien.

  • Streicheln mit Bürsten und danach mit sanften Federn
  • Waschen mit kaltem und danach heißem Wasser
  • Massage der Haut und danach klopfende Bewegung

Sie können die Liste der Maßnahmen nun selbst fortsetzen. Probieren Sie aus, was Ihrem Angehörigen/Ihrer Angehörigen gut tut.  Beobachten Sie, wie er/ sie reagiert und lernen Sie daraus.

Eine weitere Methode, um für eine Stimulation des ganzen Körpers zu sorgen, ist das Schaukeln.

Sie können über verschiedene Möglichkeiten zu einer anregenden Bewegung führen:

  • Fahren in einem Rollstuhl oder Rollbett
  • Schaukeln in einer speziell konstruierten Schaukel oder Hängematte.

Eine weitere Möglichkeit, die Sie selbst jeden Tag auch ohne Hilfsmittel durchführen können:

Setzen Sie sich neben Ihren Angehörigen und nehmen ihn fest in die Arme. Nun beginnen Sie mit langsamen, gemeinsamen rhythmischen Bewegungen.

Wichtig ist, dass Sie ein Gefühl dafür entwickelten, was Ihrem Angehörigen gut tut. Das sollten Sie regelmäßig wiederholen. Das hilft Ihrem demenziell Erkrankten, sich aus seinem Gefängnis zu befreien.

Nun wünsche ich Ihnen viel Einfühlungsvermögen
Ihre Eva-Maria Popp

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Ein Gedanke zu „Hilfreiche Gedanken, wenn das Schreien unerträglich wird

  1. agnes ruthsatz

    habe mit der pflege meiner mutter extremes schreien, kratzen, beißen, treten ihrerseits hinter mir. sie ist inzwischen verstorben. ihr leichnam wurde wegen ungeklärter Todesursache zur gerichtsmedizin gegeben. befund immer noch ungeklärt. paradoxerweise flattert mir nun eine anzeige ins haus wg verdacht der misshandlung schutzbefohlener mit angabe eines angeblichen vorfalls der aktuell nun 9 monate und 2 monate vor ihrem tod zurück liegt. wie kann ich der kripo beweisen, dass ich meiner mutter nichts getan habe? zumal der gerichtliche befund ja auch keine gewalteinflüsse von außen bescheinigt hat?

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