Wenn die Lust keine Grenzen kennt

Ein Thema, mit dem pflegende Angehörige von demenziell Erkrankten immer wieder konfrontiert werden, ist die Last mit der Lust, die im fortgeschrittenen Stadium der Demenz proportional zur fehlenden Konventionsschranke ungehemmt zutage tritt.

Die Tatsache, dass Menschen mit Demenz – wie im Übrigen viele Senioren – eine ausgeprägte Libido und somit das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung haben, ist völlig normal und wünschenswert. Ist doch die Sexualität eine der wichtigsten Triebfedern des menschlichen Daseins. Spätestens seit Freud wissen wir, dass die Sexualität einen wichtigen Energieträger für die Psyche darstellt.

Allerdings gehört es in unserer Gesellschaft noch lange nicht zur „ Normalität“, im Alter sexuell aktiv zu sein. Sex im Alter ist eines der letzten Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Schade, dass man unsere Senioren um diese Quelle der Inspiration und Zufriedenheit bringt.

Problematisch wird es, wenn die fortschreitende Demenz die Grenzen des gesellschaftlich Erlaubten – die Schamgrenze – zunehmend eliminiert.

Dann kann es sein, dass sich die demenziell erkrankte Mutter im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Beine fasst und selbst befriedigt, während sie von der Tochter angezogen wird. Noch unangenehmer für weibliche pflegende Angehörige ist die Konfrontation mit der ungehemmten männlichen Sexualität. Vor allem sexuelle Übergriffe stellen ein großes Problem dar und werden von vielen Pflegerinnen als Zerreißprobe für das Nervenkostüm empfunden.

Eltern stellen für Kinder per se asexuelle Wesen da. Kinder bleiben Zeit ihres Lebens Kinder und Eltern bleiben Eltern. Da ist es schwer genug, dass man als Kind plötzlich Entscheidungen treffen muss und die Autorität von Vater oder Mutter auf Tochter oder Sohn überspringt. Werden dann die Eltern plötzlich als sexuell höchst aktive Menschen wahrgenommen, stürzt das viele Kinder in eine weitere Identitätskrise. Es ist eben schwer auszuhalten, wenn die ungehemmte Sexualität unabhängig von der Privatsphäre in aller Öffentlichkeit und für alle sichtbar zur Schau gestellt wird.

Deshalb ist es für pflegende Angehörige sehr wichtig, sich abzugrenzen und ganz ehrlich für sich zu entscheiden, ob man damit umgehen kann und will.

Sollte die Antwort negativ ausfallen, ist es höchste Zeit, sich professionelle Hilfe zu holen und wenigstens das Waschen und die Intimpflege abzugeben.

Wenn der pflegende Angehörige der eigene Ehepartner ist, kann es sein, dass über die Sexualität sogar wieder Nähe entsteht und man über das gemeinsame Ausleben an alte Zeiten und Nähe anknüpfen kann. Das kann ein Segen sein. Deshalb ist die Forderung sehr ernst zu nehmen, dass es in Pflegeeinrichtungen zwingend Räume geben sollte, in die sich ein Ehepaar ungestört zurückziehen kann. Ich möchte Sie an dieser Stelle ausdrücklich dazu auffordern, Mut zu zeigen und diese Privatsphäre für sich und Ihren demenziell Erkrankten einzufordern! Sexualität ist ein Stück Lebensqualität und es gibt keinen Grund der Welt, sie daran zu hindern! Alter und Sex beißen sich nicht, wenn beide Partner ihn wollen.

Problematisch wird es, wenn der gesunde Partner ein Problem mit der ungehemmten Sexualität des demenziell Erkrankten hat.

Gerade die heutigen Senioren wurden zu einer Zeit erzogen, als Sexualität ein absolutes Tabuthema war. Das ist der Grund, warum viele Menschen, vor allem Frauen, große Hemmungen hatten und sich Zeit ihres Lebens aus Scham sexuell wenig aktiv zeigten. Wenn die Demenz die Scham aufgefressen hat, kann es zu einer ungehinderten und permanenten Triebbefriedigung kommen, was von pflegenden Angehörigen und vor allem Ehepartnern als sehr störend und beschämend empfunden wird. Noch schlimmer ist es, wenn der gesunde Ehepartner mit ansehen muss, wie der demenziell Erkrankte das Pflegepersonal oder die eigenen Kinder befummelt und belästigt.

Bei aller Liebe, das müssen Sie nicht aushalten.

Setzen Sie die eigene Grenze fest, was Sie ertragen und aushalten können, und ergreifen Sie zum Schutz Ihres eigenen Nervenkostüms und Ihrer Psyche Gegenmaßnahmen, wenn die Geschehnisse für Sie unerträglich werden.

Nun hoffe ich, dass ich mit meinen offenen Worten dazu beigetragen habe, dass Sie ein besseres Verständnis für die Hintergründe des enthemmten Verhaltens Ihres demenziell Erkrankten entwickeln können. Vor allem ist es wichtig für Sie, Ihren eigenen Standpunkt zu finden.

Bitte verzeihen Sie die offenen Worte, aber gerade weil es sich beim Thema Sex und Demenz immer noch um ein Tabuthema handelt, MÜSSEN wenigstens die Profis offene Worte finden.

Ein Trost für Sie zum Abschluss: Sie sind nicht alleine! Tausende von pflegenden Angehörigen teilen dieses Schicksal mit Ihnen!

Ich wünsche Ihnen viel Kraft für Ihre Aufgabe
Ihre Eva-Maria Popp

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