Wenn die Strümpfe die Ehe retten oder das moderne Märchen über den Strumpfanzieher

© -Andreas Saldavs Kommunikation - Fotolia

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Der Titel meines heutigen Blogbeitrag ist sehr reißerisch, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht, liebe Leserinnen und Leser. Aber er entspricht vollkommen der Wahrheit und ist mir selbst widerfahren. Ich habe am eigenen Leib erlebt, dass ein einfaches Hilfsmittel wie eine Strumpfanziehhilfe eine große Ehekrise aufgelöst hat.
So kam es dazu:

Vor einigen Jahren musste ich mich einer größeren Operation am Vorderfuß unterziehen und war für Wochen an den Rollstuhl gefesselt bzw. auf Gehhilfen angewiesen. Das war für mich eine unerträgliche Situation, die mich in eine große Depression stürzte, weil ich meine Selbstständigkeit und damit meine Selbstbestimmung vollkommen aufgeben musste. Ich lag Tag und Nacht im Wohnzimmer auf der Couch. Mein Schlafzimmer konnte ich nicht benutzen, weil es sich im ersten Stock unseres Hauses befindet und somit für mich unerreichbar blieb. Mein Mann verließ das Haus am frühen Morgen und brachte mir noch das Frühstück ans Bett und die Zeitung. Ab diesem Augenblick war ich alleine. Da ich im Haus Gehhilfen benutzte, konnte ich nichts selbst tragen oder holen. Für den Gebrauch des Rollstuhls war unsere Wohnung komplett ungeeignet, weil kleine Stufen eingebaut sind und die Zimmertüren zu schmal für einen Rollstuhl sind. Zu dieser misslichen Lage kam, dass es tiefster Winter war, nämlich Dezember. Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern und die große Traurigkeit, die mich erfasste, vor allem an das Gefühl der absoluten Abhängigkeit. Meine Kinder befanden sich damals im Studium und waren während der Woche nicht zuhause. Nur mein ältester Sohn und meine Schwiegertochter besuchten mich tagsüber, wenn sie aus ihrer Nachtschicht als Altenpfleger kamen. Natürlich wartete ich jeden Tag sehnsüchtig auf meinen Mann. Da er als Rechtsanwalt selbstständig tätig ist, kommt er allerdings meist später und vor allem unregelmäßig nach Hause,  so wie es der Arbeitsaufwand  zulässt. Das war der Nährboden für die erste große Ehekrise, die wir im Laufe einer 30jährigen Ehe hatten.

Ich empfing ihn jeden Abend mit einer sehr großen Erwartungshaltung. Er kam gestresst aus seiner Kanzlei nach Hause und wollte seinen wohlverdienten Feierabend genießen. Am nächsten Morgen gab es das gleiche Spiel. Ich wollte die Zeit seiner Anwesenheit nutzen und bat ihn um diverse Dinge, die es noch zu regeln gab, bevor ich wieder den ganzen Tag auf mich allein gestellt war. Erschwerend kam hinzu, dass mir die Tatsache, um jeden Handstrich bitten zu müssen, an und für sich schon schwer fiel. Ich hatte jedes Mal ein schlechtes Gewissen, weil ich schon wieder bitten musste. So waren unsere beiden Nervenkostüme bereits etwas dünn, als es zum großen Eklat kam.

Es waren schon einige Wochen vergangen, die OP Narben waren verheilt und die Zeit der Kompressionsstrümpfe hatte für mich begonnen. Das Anziehen war jeden Tag ein Drama. Alleine konnte ich es nicht und so musste mein Mann sich jeden Tag vor dem Weg zur Arbeit mit diesen verdammten Strümpfe abmühen. Wir hatten beide keine Ahnung davon, wie man das macht. Da passierte es: ihm platzte der Kargen und er schrie mich an, dass er nicht mehr könne. Er sei vollkommen am Ende und überfordert. Er müsse nur noch funktionieren und mir zu Diensten sein. Ich war vollkommen paralysiert und hatte das Gefühl, dass der Boden unter mir entschwand. Ich fiel in ein tiefes, sehr tiefes Loch und war unendlich verletzt. Wie konnte er mir das antun? Wie konnte er mich so  verletzten?

Hier begann meine „Karriere als Expertin für Strumpfanziehhilfen.“ Ich brauchte eine Zeit, bis ich meine angegriffene Psyche wieder im Griff hatte. Danach kehrte meine Energie zurück und ich machte mich auf die Suche nach Hilfsmitteln, die mein aktuelles Leben in Abhängigkeit allmählich beenden sollten. Ein möglichst hohes Maß an Unabhängigkeit sollte an diese Stelle treten. Bei den „Marterinstrumenten“ Kompressionsstrümpfe wollte ich beginnen. Dabei entdeckte ich einen Senior, der ganz in meiner Nähe wohnte und der sich ebenfalls aus seiner misslichen Lage der Abhängigkeit befreien wollte. Er hat als ehemaliger Maschinenschlosser und Tüftler auf seine alten Tage sogar ein Geschäft aufgemacht, indem er individuelle Strumpfanziehhilfen für alle Fälle entwirft und herstellt.

 Fakt ist, es gibt für jeden Fall die passende Hilfe.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Thema An- und Ausziehhilfen sehr umfassend ist und man dadurch eine tolle Unterstützung erhält. Somit wird die Selbstständigkeit und Eigenständigkeit langfristig gewährleistet.

Allerdings muss aus dem großen Angebot von diversen Modellen das passende ausgewählt werden. Ich möchte Ihnen dazu einen ersten Überblick über die Angebotspalette geben.

Hier die verschiedenen Formen und Ausführungen:

  • Strumpfhosenanzieher
  • Sockenanzieher jeweils für kurze oder lange Socken,
  • Strumpfanzieher für Stütz- und Kompressionsstrümpfe, Gummihandschuhe für das bequeme Anziehen der Kompressionsstrümpfe.

Diese Auswahl an verschiedenen Modellen wird ergänzt durch Angaben zu diversen Handicaps. So gibt es „neue Freunde“, die speziell für Menschen mit Rücken, Hüft- und Knieproblemen die ideale Alltagshilfe darstellen. Andere wiederum können auch bei eingeschränkter Handfunktion benutzt werden. Bei Anziehhilfen aus Stoff sollte das Innenmaterial aus besonders weicher Baumwolle sein und außen aus antibakteriellem und antistatischem Material zum leichteren Hochziehen von Strümpfen und Socken.

Sammeln Sie schon vor dem Einkauf möglichst viele Faktoren, die speziell für Sie wichtig sind. Danach beginnt die Beratung- und Testphase. Erfahrene Ärzte und auch professionelle Altenpfleger in Ihrer Umgebung haben den einen oder anderen Tipp. Erst danach treffen Sie Ihre persönliche Entscheidung.

Sicher werden Sie bei den ersten Malen der Anwendung noch unsicher sein, das ist vollkommen normal und ich bitte Sie, ein bisschen Geduld zu haben. Mit jeder weiteren Anwendung wird Ihnen der Gebrauch leichter fallen, bis Sie ein Profi in Sachen Anziehhilfe sind.

Ganz am Rande bemerkt, wird aus der Anziehhilfe auch ein Gedächtnistraining, weil eine neue Handhabung erlernt werden muss.

Um nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein und so viel Selbstständigkeit wie möglich zu bewahren, ist die von Ihnen gewählte Anziehhilfe sicher eine tolle Lösungsmöglichkeit.

Zum Abschluss dieser Zeilen nochmals ein persönliches Wort: unsere Ehekrise hat sich in ein tiefes Verständnis füreinander gewandelt. Wir haben uns durch das gemeinsame Durchleben dieser Ausnahmesituation noch besser kennengelernt. Da wir sehr intensiv darüber geredet haben, konnten wir die Chance, die in jeder Krise steckt, nutzen. Unsere Ehe wehrt nun schon 33 Jahre und wir sind glücklich und zufrieden.

Für mich selbst ist aus dieser schweren Zeit in meinem Leben ein sehr tiefes Verständnis dafür geblieben, was es heißt, abhängig zu sein und nicht mehr selbstbestimmt leben zu können. Das ist einer der Beweggründe, die mich motivieren, das Thema Demenz und Pflege aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und darüber zu kommunizieren.

Nun wünsche ich Ihnen, dass auch Sie einen neuen besten Freund in Form Ihrer individuellen Anziehhilfe finden und aus dem täglichen Kampf um das Können und Nicht-mehr-Können als Sieger hervorgehen, indem Sie sich damit ein Stück Selbstständigkeit zurückerobern.

Herzlichst
Ihre Eva-Maria Popp

 

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