Wenn die Weglauftendenz zum Problem wird

Die Weglauftendenz ist eines der größten Probleme, welches das Zusammenleben mit demenziell Erkrankten manchmal zur Hölle macht.

Bewegung, Bewegung, Bewegung … und raus, hin und weg!

Der Drang zum Weglaufen ist bei demenziell veränderten Menschen in gewissen Phasen des Krankheitsverlaufs enorm und macht der Umwelt, der Familie und den pflegenden Angehörigen das Leben zur Hölle. Die Weglauftendenz setzt ungeahnte Kräfte und Aggressionen frei, die sehr schwer zu ertragen sind.

Was können Sie dagegen tun?

Eine erste Maßnahme ist es, sich mit der Ursache der Weglauftendenz zu beschäftigen. Sie als pflegende Angehörige sollten verstehen, was den Erkrankten antreibt, woher die Motivation dafür kommt.

Menschen, die demenziell erkrankt sind, fühlen sich in ständiger Unsicherheit. In einer gewissen  Phase der Demenz fühlt der Erkrankte, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber er kann dieses Unwohlsein nicht fassen. Für Ihr Verständnis ist es wichtig, sich empathisch einzufühlen. Wie würde es Ihnen ergehen, wenn Sie ständig auf der Suche nach den richtigen Worten wären? Können Sie sich vorstellen, wie es ist, immer alles zu vergessen und sich in Folge permanent auf der Suche, um nicht zu sagen Jagd, nach dem Vergessenen zu befinden? Ein schrecklicher Umstand, der uns leicht verstehen lässt, warum die Erkrankten mit Unruhe und Aggressionen reagieren.

Ein weiterer Hintergrund für das Weglaufen ist oftmals das Pflichtgefühl der Erkrankten. Mit zunehmendem Vergessen der Gegenwart rutscht das Bewusstsein des Erkrankten immer weiter in die Vergangenheit zurück. Stellen Sie sich vor, dass über die Gegenwart und alles, was gerade passiert, eine Tarnkappe oder ein Mantel des Schweigens gezogen wird. Das aktuelle Geschehen ist nicht mehr sichtbar, es ist unter Verschluss. Gleichzeitig tritt die Vergangenheit ins gegenwärtige Bewusstsein des Erkrankten. Die neue Festplatte wurde sozusagen gelöscht, die alten Festplatten erlangen wieder Gültigkeit.

So lebt der demenziell Erkrankte real in einer vergangenen Welt, die für ihn die absolute und vor allem einzige Realität darstellt.

Lassen Sie mich die Folgen an einem Beispiel darstellen:
Gehen wir davon aus, dass eine demenziell Erkrankte in ihrer ehemaligen Welt als Mutter von drei Kindern lebt. In ihrer Welt sind die Kinder 3, 7 und 11 Jahre alt. Damals gehörte es zur ihrer Aufgabe, die Kinder pünktlich von der Schule abzuholen. Pflichtbewusst steht unsere Mutter aus dem Sessel auf und eilt zur Türe. Sie hat es eilig, weil sie pünktlich sein möchte. Nun stellt sich der pflegende Angehörige in den Weg und bittet unsere Mama, sich wieder hinzusetzen. Klar doch, dass die Mama ärgerlich reagiert. So ein „Quark“. Ihre Töchter stehen auf der Straße und warten auf ihre Mama und sie soll sich wieder hinsetzen. So geht das nicht! Sie reißt sich los und eilt zur Tür, die verschlossen ist. Das ist ja Freiheitsberaubung. Was geht hier vor?

Wie reagieren Sie in einer solchen Situation richtig?

Die richtige Strategie in diesem Zusammenhang heißt Deeskalation. Statt den Kampf gegen die Windmühlen aufzunehmen und die Mama in die Realität zu hieven, begeben Sie sich lieber in die aktuelle Erlebenswelt der Mama. Sie bestätigen die Wichtigkeit der Abholung der Kinder. So sorgen Sie dafür, dass sich die Mama ernst genommen fühlt. In der Folge gibt es keinen Grund zu Aggression. Danach starten Sie ein Ablenkungsmanöver. „Komm, wir holen eine Jacke für dich, bevor wir die Kinder abholen. Heute ist es sehr kalt.“ Auf dem Weg zur Jacke vergisst die Mama, dass sie eigentlich die Kinder abholen wollte.

Trotz dieser Strategie der Ablenkung ist es wichtig, Prävention zu betreiben. Denn auch Sie als pflegende Angehörige sind einmal abgelenkt und können nicht aufpassen. Für diesen Fall muss vorgesorgt werden. Fenster und Türen benötigen spezielle Griffe, die nur mit einer eigens dafür vorgesehenen Technik zu öffnen sind. Auch ein Vorhang vor der Tür kann das unkontrollierte Öffnen verhindern. Eine weitere Präventionsmaßnahme ist eine Weglaufmatte, die ein Alarmsignal abgibt, wenn sie betreten wird.

Sollte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einem Weglaufen kommen, sind beschriftete Armbänder sehr hilfreich oder spezielle Aufkleber für den Rollator. Auf diese Art sind die „Ausreißer“ ganz schnell wieder in Ihrer Obhut.

Viel Kraft für Ihre große Aufgabe wünscht Ihnen
Eva-Maria Popp

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