Wohlfühlfaktoren für Menschen mit Demenz

Biografiearbeit erfahren und erleben aus persönlicher Sicht

Wohlfühlfaktoren für Menschen mit Demenz

© Miriam Doerr – Fotolia

Das Seelenleben von Menschen mit Demenz gehorcht anderen Mechanismen als das ihrer pflegenden Angehörigen. Deshalb ist es oft so schwer, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt der uns Anvertrauten demenziell Erkrankten einzufühlen.

Diesen Umstand nehme ich heute zum Anlass, um mich einmal aus eigener Sicht in die Erlebenswelt von Menschen mit Demenz einzulassen, um daraus das nötige Verständnis für ihre Handlungsweisen abzuleiten.

Biografiearbeit im Eigenversuch

Den Impuls für diesen kleinen Selbstversuch hat mir ein Erlebnis gegeben, das mir vor Kurzem widerfahren ist.

Damit Sie meine Gedanken dazu verstehen, erlauben Sie mir, dass ich Sie mitnehme in einen Teil meines Lebens:

Ich bin 56 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Niederbayern nahe der osterreichischen Grenze. Seit meiner Kindheit begleitet mich der Österreichische Rundfunk mit all seinen besonderen Facetten und Untertönen. Meine ersten Gehversuche als musikbegeisterter Teenie, aber auch mein ganzes Leben als Kulturliebhaberin wurden seither begleitet von der sehr speziellen Art des ORF und dessen außergewöhnlichen Sendeformaten.

Rituale bereichern das Leben

Eines meiner schönsten Rituale seit vielen Jahren ist es, am Sonntag um 9.00 Uhr früh die Sendung Kulturzeit zu genießen. Dort gibt es jeden Sonntag interessante Dokumentationen über die österreichische Kulturszene und vor allem die Vorstellung neuer Produktionen und Kulturnachrichten. Ich freue mich jeden Sonntag darauf.

Nun hat es sich durch Umstellungen im Empfang ergeben, dass ich für einige Zeit keine österreichischen Sender mehr empfangen konnte. Das hat mich sehr traurig gestimmt und ich habe MEINEN Österreicher sehr vermisst!

Seit heute früh ist meine Welt wieder in Ordnung. Über Satellitenempfang ist die österreichische Kulturwelt für mich wieder zu empfangen. MEIN ÖSTERREICHER und die österreichische Kultur gehören wieder ganz mir.

Nun höre ich Sie schon kommentieren, was denn mein persönliches Fernsehschicksal mit der Gefühlswelt von Menschen mit Demenz zu tun hätte? Meine Antwort: Sehr viel!

Über die lange Zeit der Abstinenz meiner Lieblingssendung und vor allem des damit verbundenen Gefühls von Heimat habe ich selbst am eigenen Leib, besser gesagt mit eigener Seele tief in mir gespürt, was Biografiearbeit wirklich bedeutet.

Schon nach den ersten Sekunden des vertrauten Klanges des österreichischen Fernsehens mit dem ganz besonderen Sprachklang fühlte ich mich tief berührt. Da war es wieder, das Gefühl zu Hause zu sein, angekommen zu sein. Meine Welt war wieder in Ordnung. Dieses Gefühl des sich Wohlfühlens in tiefster Seele konnte ich deutlich wahrnehmen und kann es nicht wirklich in Worte fassen.

Individuelle Biografiearbeit sorgt für Wohlbefinden

Es hat mir jedoch gezeigt, wie wichtig es für unser Wohlbefinden ist, dass wir unsere eigene Biografie ernst nehmen und immer wieder darauf eingehen.

Das gilt umso mehr für unsere demenziell Erkrankten. Sie leben in einer Welt, in der ihnen Vertrautes jeden Tag abhandenkommt. Deshalb benötigen sie für ihr Seelenheil umso mehr das Erleben und Wiedererkennen aus der Frühzeit stammender Schichten, die tief in der Seelenwelt abgespeichert sind und die vom Erinnerungen fressenden Monster Demenz nicht erreicht werden. Diesen Schatz heißt es zu heben. Dann kann auch der demenziell Erkrankte zurückfinden zu seiner eigenen Wohlfühlwelt.
Recherchearbeit hilft bei Demenz

Für Sie als pflegende Angehörige ergibt sich daraus zwingend die PFLICHT, sich auf die Suche zu machen nach der früheren Erlebenswelt Ihres demenziell Erkrankten. Welche Klänge, Düfte oder Geschmacksrichtungen könnten seine Seele berühren? Welche Lieder oder Gedichte sprechen ihn an? Welcher Dialekt erinnert ihn an bessere Zeiten?

Dazu ist notwendig, sich mit der persönlichen Lebensgeschichte auseinanderzusetzen, aber auch mit den besonderen örtlichen und historischen Lebensumständen.

Recherchieren Sie in alten Büchern! Fragen Sie Verwandte und Bekannte! Stöbern Sie in Poesiealben, Fotoalben und Aufzeichnungen!

Tipp zur Biografiearbeit:

Wenn sich Ihr Angehöriger in einem frühen Stadium der Demenz befindet, dann kann er noch selbst viel erzählen. Nutzen Sie jede Gelegenheit zu informativen Gesprächen über das frühere Leben.

Diese Gespräche bereiten aktuell große Freude und sind ein wahrer Wissensschatz für spätere Zeiten, wenn es mit der Erinnerung nicht mehr so klappen wird.

Vor allem sollten Sie die Inhalte dieser Gespräche aufschreiben, damit auch nichts verloren geht. Es gibt extra für die Biografiearbeit sogenannte Lebensbücher, die eine gute Struktur geben.

Mit dieser Recherchearbeit und der Umsetzung des neu erworbenen Wissens haben Sie für einen wichtigen Wohlfühlfaktor im Sinne Ihres demenziell erkrankten Angehörigen gesorgt, der ihm/ihr gut tut und insgesamt zu einer Beruhigung der heimischen Gesamtsituation führt.

Nun wünsche ich Ihnen viel Erfolg auf Ihrer Suche nach Seelenerlebnissen.

Ihre Eva-Maria Popp

 

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